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Communication Management

Forschung & Projekte > Wahrnehmung der ISAF-Mission in Europa

Die Wahrnehmung des ISAF-Einsatzes der NATO im europäischen Vergleich

 

Der ISAF-Einsatz der NATO wurde 2014 beendet und von einer Ausbildungsmission abgelöst. Die Rückverlegung des deutschen Einsatzkontingents der ISAF-Mission war die erste Operation in dieser Dimension für die Bundeswehr. Bis dahin gab es national keine Erfahrung mit einer derartig komplexen Operation und deren medialer Begleitung. Das Hauptaugenmerk der Berichterstattung über die Rückverlegung aus Afghanistan lag in erster Linie auf dem damit verbundenen logistischen Aufwand sowie der Übergabe von Verantwortung an afghanische Sicherheitskräfte. Wenig beachtet wurde, dass auch nach Beendigung des Kampfauftrags Angehörige der Bundeswehr in Afghanistan - nicht zuletzt im Rahmen der Ausbildungsmission - weiter tätig sind.

 

Fragestellung

Wie alle "symbolhaften" Handlungen der Bundeswehr beeinflusst auch der ISAF-Einsatz einschließlich seiner Beendigung samt Rückführung des Einsatzkontingents die Wahrnehmung der Bundeswehr im öffentlichen Diskurs. Das Forschungs- und Beratungsprojekt zielt dabei auf die grundlegende Fragestellung, welche Auswirkungen nach Beendigung bzw. Rückverlegung - im Kontext der Gesamtwahrnehmung des Einsatzes - auf das Ansehen und das Image der Bundeswehr sowie auf die Ex-Post-Betrachtung des Afghanistaneinsatzes und damit letztlich auch auf die Akzeptanz möglicher zukünftiger Bundeswehrauslandseinsätze zu erwarten sind, d.h. welche grundlegenden Erkenntnisse aus der Wahrnehmung dieses beendeten Einsatzes im öffentlichen Raum für zukünftige Missionen gewonnen werden können.

Aufgrund des bisher einzelfallartigen Charakters der Beendigung eines Einsatzes dieser Größenordnung wird hier nicht nur die Wahrnehmung der Rückführung des deutschen Kontingents in der deutschen Öffentlichkeit untersucht, sondern mit den Wahrnehmungen in ausgewählten europäischen Partnerländern (Großbritannien, Italien, Niederlande, Polen) verglichen. Das hiermit verfolgte Ziel besteht darin, generalisierbare Erkenntnisse für das kommunikative Handeln der Bundeswehr im Allgemeinen sowie für die Entwicklung bestimmter Mindestanforderungen an die Prozesse der Informationsarbeit zu gewinnen.

Studiendesign

Wahrnehmungen gerade im gesellschaftlich-politischen Kontext sind immer auch in irgendeiner Art und Weise medial vermittelt. Das Forschungs- und Beratungsprojekt beinhaltet daher eine Analyse der medialen Berichterstattung in ausgewählten nationalen Medien zum ISAF-Einsatz. Dabei werden die unterschiedlichen politischen Positionen in den einzelnen Ländern entsprechend berücksichtigt. Dies beinhaltet auch die parallele Analyse der Debatten im politischen Raum aller fünf Länder einschließlich der politischen Entscheidungen im Einsatzzeitraum. Ebenfalls werden die jeweils national verwendeten strategischen Narrationen zur Erklärung und Sinngebung des Einsatzes gegenüber den verschiedenen Teilöffentlichkeiten aus dem politischen Diskurs herausgearbeitet und ihre Veränderungen im Zeitverlauf nachgezeichnet. Die Einstellungen der Bevölkerungen dieser Länder sowie ihrer mutmaßlichen Determinanten zum ISAF-Einsatz einschließlich sicherheitskultureller Faktoren werden schließlich mit Hilfe einer vergleichenden Befragung der Wohnbevölkerungen aller fünf ausgewählten europäischen Länder erhoben. Die Feldphase fand im Herbst 2016 statt. An der Studie wirkten viele externe Experten aus sämtlichen ausgewählten Ländern mit (Projektgruppe Kommunikation Mission Engagements)

Zentrale Ergebnisse

Die Untersuchung der politischen und medialen Diskurse in den fünf untersuchten europäischen Ländern (Deutschland, Großbritannien, Italien, Niederlande und Polen) zum ISAF-Einsatz in Afghanistan zeigt sehr plastisch, wie wichtig ein widerspruchsfreier, plausibler, kohärenter und konsistenter Erklärungszusammenhang über Gründe, Ziele, Gefahren und Chancen militärischer Einsätze ist, um Akzeptanz und Unterstützung hierfür in der öffentlichen wie veröffentlichen Meinung in freiheitlich-demokratischen Gesellschaften zu gewinnen. Dieser Befund gilt dabei unabhängig von den jeweils nationalen Besonderheiten der spezifischen "strategischen Kultur". Veränderungen solcher strategischer Narrationen zur Anpassung an sich verändernde, strategisch relevante Umstände des Einsatzes im Sinne des Diktums Clausewitz', die Ziele einer Strategie seien immer durch die hiermit zu erreichenden Zwecke zu bestimmen, sind im Einzelfall zweifellos sachlogisch gerechtfertigt und insofern auch kommunikativ sinnvoll. Durch kurzfristige (und kurzsichtige) politische Profite motivierte Modifikationen, Umdeutungen, Erweiterungen solcher strategischer Narrationen werden jedoch die Reichweite der angebotenen Begründungszusammenhänge und in der Folge auch die Akzeptanz des Einsatzes geschwächt sowie hierdurch auch dessen Bewertung negativ beeinflusst - wiederum unabhängig von der jeweiligen, nationalen strategischen Kultur.

Die Bewertung des Erfolgs oder Misserfolgs eines militärischen Einsatzes generell bemisst sich an der Wahrnehmung, inwieweit der hiermit intendierte Zweck erreicht wurde. Zweckvermittlung ist jedoch auch Aufgabe strategischer Narrationen. Gebrochene Erzählungen, dies zeigen die Expertengutachten zu allen untersuchten Ländern, schmälern die öffentliche Unterstützung. Dies gilt gerade in "Krisenzeiten", wenn besondere Ereignisse den Einsatz belasten und im öffentlichen Diskurs die Verhältnismäßigkeit der Relation von Mitteln, Zielen und Zwecken des Einsatzes in Frage stellen.

Gerade in der die Beendigung und Rückführung des Einsatzes begleitenden Diskussion geht es auch um eine Gesamtbewertung dieses Einsatzes. Hier werden von den Diskursteilnehmern zwangsläufig Bezüge zu einmal gegebenen, wahrgenommenen Begründungszusammenhängen hergestellt. Der Erfolg jeder Rückführungskommunikation baut insofern immer auf der Tragfähigkeit und Anschlussfähigkeit der den Einsatz begleitenden strategischen Erzählung(en) auf.

 

 

 

Team: Natascha Zowislo-Grünewald, Franz Beitzinger, Julian Hajduk, Lucia Romero, Zentrum Informationsarbeit Bundeswehr

 

© 2017 Prof. Dr. Natascha Zowislo-Grünewald / Last modified Fri Mar 10 13:43:34 2017 GMT